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03.August 2014

19:48 Alter: 3 yrs

Warum manche Menschen sich das Rauchen „schön reden“

Kommen Ihnen diese Aussagen bekannt vor? „Mein Großonkel ist 90 geworden, obwohl er regelmäßig geraucht hat.“ Oder: „Ich rauche einfach gerne.“ Ebenfalls häufiger zu hören: „Jetzt rauche ich schon so lange – ob ich nun aufhöre oder nicht, macht keinen großen Unterschied“.


Alles Aussagen also, die gegen einen Rauchstopp sprechen – und die man mit gutem Grund in Zweifel ziehen kann. Denn so erfreulich das lange Leben des Verwandten ist, daraus eine Prognose für das eigene Leben abzuleiten, erscheint doch etwas gewagt. Dass jemand „gerne raucht“, lässt sich zwar im Einzelfall schwer „weg diskutieren“, wird aber von vielen Menschen nach einem Rauchstopp ganz anders gesehen – etwa wenn man sich bewusst wird, wie der „Beschaffungsdruck“ (bzw. der Stress, wenn der Zigarettenvorrat zuneige geht) die eigene Freiheit eingeschränkt hat. Und dass ein Rauchstopp nach vielen Jahren als Raucherin oder Raucher nicht mehr lohnt, ist längst wissenschaftlich widerlegt.

Interessanterweise wissen das viele Rauchende auch und im längeren Gespräch wird oft deutlich, dass sie ihre Pro-Argumente für das Rauchen selber manchmal auch kritisch sehen. Trotzdem sorgen diese Gründe dafür, dass sie den Rauchstopp nicht angehen oder ihn immer wieder verschieben. Übrigens: „Ich kann jederzeit damit aufhören“ ist auch eine dieser Aussagen, die dem Rauchstopp im Wege steht und die sich ebenfalls anzweifeln lässt.

Wie kommt es, dass Rauchende solche rechtfertigenden Aussagen – oft trotz besseren Wissens – aufrechterhalten? Eine mögliche Antwort ist bereits in der Frage enthalten: um sich für das Rauchen zu rechtfertigen, vor allem sich selber gegenüber. Diese Erklärung basiert auf einer bekannten Theorie des Psychologen Leon Festinger, die den Namen „Theorie der kognitiven Dissonanz“ trägt. Sie beschäftigt sich damit, was in Menschen vorgeht, die zu einem bestimmten Thema verschiedene Gedanken bzw. Einstellungen haben, die sich widersprechen. Ein Beispiel: Ein Raucher möchte seinem Kind ein Vorbild sein, gleichzeitig kann er sich momentan nicht vorstellen, den Zigarettenkonsum einzustellen. Zwei Ziele oder Wünsche also, die sich gegenseitig widersprechen. Anderes Beispiel: Eine Raucherin kommt mit ihrem Geld gerade so um die Runden, gibt jedoch pro Monat über 100 Euro für Zigaretten aus. Festinger ging nun davon aus, dass solche widersprüchlichen Gedanken und Verhaltensweisen zu einem inneren Spannungszustand führen, die der oder die Betreffende als unangenehm empfindet.

Um dieses Spannungsgefühl zu reduzieren, werden deshalb Gedanken entwickelt, die den Widerspruch erträglicher machen – zum Beispiel, indem man das Risiko einer ernsthaften Folgeerkrankung durch das Rauchen relativiert oder verharmlost. Dafür werden dann Einzelbeispiele herangezogen wie der eingangs zitierte stets gesunde Großonkel. Oder der Druck, einen Rauchstopp in Angriff zu nehmen, wird durch den Gedanken reduziert, dass dieser sich angeblich nicht lohne. Bei der Aussage „Ich rauche einfach gerne“ wiederum wird der Tabakkonsum stark positiv, als ein wichtiger Teil der eigenen Lebensqualität, (über-) bewertet. Daran gekoppelt ist der Gedanke, dass einem etwas Wichtiges fehlen würde ohne Zigarette. Gedanken an die schädlichen Wirkungen des Rauchens werden dadurch „entschärft“.

Solche „ausgleichenden“ Gedanken können also dazu beitragen, dass jemand sein Verhalten beibehält und zum Beispiel keinen Rauchstopp unternimmt. Eine Sammlung von weiteren hinderlichen Gedanken finden Sie hier. Wenn Sie sich in den Aussagen wiedererkennen, kann es hilfreich sein, diese mal mit anderen Menschen zu diskutieren und eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Passende Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gibt es zum Beispiel in der Rauchfrei-Community und unter den Rauchfrei-Lotsen. Oder Sie beschäftigen sich zunächst einmal alleine mit dem Thema und klären, was für Sie persönlich für oder gegen den Rauchstopp spricht. Eine passende Anleitung finden Sie hier. Wenn dann die gedankliche Auseinandersetzung zugunsten des Rauchstopps ausfällt, finden Sie unter Aufhören zahlreiche Unterstützungsangebote.

Quelle: Theorie der Kognitiven Dissonanz. Huber Verlag Bern, 2012, unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1978 (Verlag Hans Huber, herausgegeben von Martin Irle)